Ronny Dietrich (ehemals Dramaturgin der Salzburger Festspiele, Opernhaus Zürich, Wiener Konzerthaus):

 

Oscar Jockel beschreibt seine Oper Lob des Schattens als „einen Versuch, die menschlich existentielle Einsamkeit durch die Begegnung mit dem Schatten abzubilden: Es war die Frage nach persönlichen Abgründen und der Wunsch nach leeren Flächen, die mich zur ‚transzendentalen Obdachlosigkeit’ (Georg Lukacs, Theorie des Romans, 1916) unserer Gesellschaft führte: In Zeiten, wo wir alles ausgeleuchtet haben und alles Irrationale rational von innen und außen begriffen haben (Psychoanalyse, Aufklärung, Entmystifizierung, etc.), schien für mich die Irrationalität des menschlichen Handelns und der persönliche Wunsch nach Leere größer denn je zu sein. Diese Leere faszinierte mich, weshalb ich sie genauer betrachten wollte. Leere Flächen sind nie leer, sondern dienen als Projektionsfläche des eigenen Ichs. Das war schon im Alten Testament so, denkt man etwa an die theologische Bedeutung der Wüste, zeigt sich aber vor allem in der japanischen Kultur, die schon immer die Umschließung des Dunklen, des Schattens und der Leere ästhetisierte.“

 

Dieses Phänomen beschreibt der japanische Schriftsteller Jun‘ichiro ̄ Tanizaki (1886–1965) in all seinen Facetten in dem Buch Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik, 1987 im Verlag Manesse herausgegeben und ins Deutsche übersetzt von Eduard Klopfenstein. Dort heißt es: „Unbestimmtheit ist ein Schlüsselmerkmal der japanischen Kunst: das Vermeiden absoluter Ideen und Bilder und vor allem eines horror pleni (die Angst vor gefüllten Flächen). Durch das Spiel mit leeren Flächen, etwa dem Einsatz von Dunst- und Nebelfeldern, geraten sekundäre Motive ins Blickfeld, je nach interpretatorischem Ansatz des Betrachters und den Empfindungen, die sie in seiner Seele auslösen.“

 

Dieser Idee, der auch das orientalische Theater verpflichtet ist, das – so Antonin Artaud – „mit seinen metaphysischen Tendenzen dem abendländischen mit seinen psychologischen diametral gegenübersteht“, folgt die Oper Lob des Schattens, die fünf in ihrer Einsamkeit gefangene und zur Kommunikation zunächst unfähige Individuen vorführt. Es sind diese japanischen Mythen und Legenden abgelauschte Archetypen, eingeschlossen in ihre Geschichten:

– Der Mönch, der in selbst gewählter Einsamkeit auf der Suche nach der Vollkommenheit ist in dem Bewusstsein, diese nie erreichen zu können.
– Die Statue, die gespalten hin- und hertaumelt zwischen der ihr zugewiesenen Aufgabe und der Sehnsucht nach ihrer Individualität.

– Der Kaiser, seiner Macht enthoben, sinniert über die Sinnlosigkeit vergangener Kriege, um sich dennoch die Vergangenheit zurückzuwünschen.
– Die Geisha, die sich einem Schmetterling gleich aus ihrem Kokon zu befreien sucht.
– Die Kaiserin, die ihr persönliches Leid ihrem Status gemäß verdrängt.

 

Jeder Figur hat Oscar Jockel ein Haiku zugeordnet, also jene kürzeste Gedichtform, die sich traditionell aus konkreten, in der eigenen Gegenwart, oft der Natur beobachteten Bildern zusammensetzt, um die darunter verborgenen Emotionen erst durch den Zusammenhang, den die Rezipienten selbst herstellen müssen, zu erschließen. 

Dabei führt alleine schon die Mehrdeutigkeit der von den Dichtern gewählten Bilder, bedingt durch die hohe Zahl von Homonymen im Japanischen, zu unterschiedlichsten Auslegungen. Diese Interpretationsvielfalt spiegelt sich in der Komposition durch vibrierende Klangflächen und minimale Transformationen des musikalischen Materials wider, einer schimmernden Feuerglut gleichend, vor der man stundenlang verweilen kann und die ganze Welt zu sehen glaubt.

 

Oscar Jockel: „Die Faszination der japanischen Ästhetik für das Dunkle, Uneindeutige und des stetigen Übergangs war es, die mich dazu veranlasste, nach den Gründen für meinen Wunsch nach leeren Flächen, dunklen Innen- und Außenräumen und zum Unerklärlichen zu suchen. Das Ergebnis ist diese Oper, die jene leeren Flächen mithilfe des Dunklen und des Schattens ausleuchtet und somit keine Antwort, sondern eine andere Perspektive auf die Frage nach unserer existentiellen Einsamkeit liefert“.

 

Über einem feinst ausgehörten und sich stetig verändernden elektronischem Grundklang erheben sich die Gesangsstimmen zunächst solistisch und unabhängig voneinander, um sich im weiteren Verlauf immer mehr zu überlagern, aneinander anzunähern und eine vermeintliche Gemeinschaft zu bilden, in der sie versuchen, ihre ungewollte Einsamkeit zu überwinden. Ein Prozess, der mit dem Auftauchen des weißen „Schattens“ zu einem plötzlichen Stillstand kommt. Der Schatten stellt die Abstraktion aller Einsamkeiten dar, wodurch die Charaktere in diesem nacheinander ihre eigene individuelle Einsamkeit wiedererkennen. Durch diese Erkenntnis und Akzeptanz der existentiellen Einsamkeit löst sich der Schatten auf und die Charaktere vereinen sich in einer losgelösten Gemeinschaft, in der jeder auf seinem Pfad in seiner nicht überwundenen, aber akzeptierten individuellen Einsamkeit ins Nichts schreitet.

 

Zugrunde liegt diesem Prozess das japanische Shu-Ha-Ri-Prinzip, einem sich in drei Schritten vollziehenden Weg vom Lernen über das sich Lösen bis hin zum Transzendieren und folgt zugleich jenem Prinzip, das der polnische Regisseur und Theoretiker Jerzy Grotowski als grundlegend für das Theater beschreibt. Es ist ein Mittel, „um unsere Grenzen zu überschreiten, unsere Beschränkungen zu überwinden, unsere Leere zu füllen – um uns selbst zu erfüllen. Das ist keine Bedingung, sondern ein Prozess, bei dem das Dunkel in uns langsam durchsichtig wird.” (Für ein Armes Theater, 1994)

 

Bei Tanizaki lesen wir dazu: „Meiner Meinung nach ist es die Art von uns Ostasiaten, die Umstände, in die wir einbezogen sind, zu akzeptieren und uns mit den jeweiligen Verhältnissen zufrieden zu geben. Deshalb stört uns das Dunkel nicht, wir nehmen es als etwas Unabänderliches hin, wenn es an Licht fehlt, sei’s drum – dann vertiefen wir uns eben in die Dunkelheit und entdecken darin eine ihr eigene Schönheit. Demgegenüber sind die aktiven Menschen des Westens ständig auf der Suche nach besseren Verhältnissen.“

 

Ronny Dietrich